Freitag, 16. Februar 2018

Endlich cthuloide Vielfalt in Deutschland!?

Das es neben Call of Cthulhu auch noch weitere Regelwerke für den Lovecraft-Mythos gibt, sollte Lesern dieses Blogs eigentlich bekannt sein. In Deutschland hat der Klassiker allerdings seit über 30 Jahren eine Monopolstellung was cthuloides Horror Rollenspiel angeht. (Und wenn man von der World of Darkness absieht, gibt es sogar für Horror im Allgemeinen wenig nennenswerte Alternativen.)
Und das ist ziemlich schade, da es auf dem internationalen Markt wirklich viel gutes Material gibt.
Wenn man sich aber umschaut, scheint es als würde die eingeschränkte Auswahl so langsam der Vergangenheit angehören.


Den Anfang machte die Übersetzung von Achtung! Cthulhu (A!C) beim Uhrwerk Verlag. Von Regelseite wird sowohl Call of Cthulhu, als auch Savage Worlds, unterstützt. Und das ist nicht nur interessant weil sich SaWo recht deutlich von CoC unterscheidet. Beide Grundregelwerke haben (bzw. hatten) ihr zu Hause auch bei völlig anderen Verlagen, nämlich Pegasus und Prometheus Games. Merkwürdig das Uhrwerk die englische A!C Fate Variante bisher völlig auszublenden scheint.
Mein Eindruck von A!C ist eher durchwachsen. Einerseits versucht das Spiel vieles Dinge mit einen hohen historischen Detailgrad in den Regeln abzubilden (exemplarisch hier die seitenweisen Statblöcke der unterschiedlichen Einsatztruppen oder die Waffenlisten). Was im Zusammenspiel mit den beiden eher abstrakt und knapp gehaltenen Regelwerke von SaWo und CoC auf mich ziemlich merkwürdig und überfrachtet wirkt.
Andererseits verkauft sich A!C aber auch als pulpiger, hellboyartiger Wolfensteinspielplatz, mit Regeln für den Panzerkampf gegen Kaijus Mythosmonster, Nazikultistenmagiern und Millitärbasen in den Bergen des Wahnsinn.
Mit den Abenteuern habe ich mich wegen darum auch nicht mehr besonders intensiv beschäftigt. Allerdings habe ich von einigen Leuten gehört, dass das Abenteuer "Three Kings" sehr gelungen sein soll. Die A!C Abenteuer könnten also durchaus einen Blick wert sein.
Ganz davon ab, ist das Spiel Settingseitig ein fragwürdiger Grenzfall. Aber das muss jeder für sich selbst abwägen, bzw. kann an anderer Stelle debattiert werden.


Weiter geht es mit Fthagn, dem Rollenspiel der "Deutschen Lovecraft Gesellschaft" (dLG). Das System basiert auf dem frei verwendbaren Grundgerüst des neuen Delta Greens, welches wiederum seinen Ursprung im klassischen Call of Cthulhu hat. Ziel der dLG ist "(...) der Szene online ein frei verwendbares Horror-Rollenspielsystem auf Deutsch zur Verfügung zu stellen und hoffen, dass daraus kreative Szenarios, Settingideen und Spielmaterial entstehen."
Meiner Meinung nach braucht es dafür kein "neues" System und auch keine Variante eines auf deutsch bereits verfügbaren Systems. Die Energie könnte man besser in regelunabhängige Szenarios, Settingideen oder Spielmaterial investieren. Aber diese Meinung teilt der Verlag Verein scheinbar nicht.
Im Kern würde ich sagen das es sich bei Fatknh um eine optimierte CoC Variante handelt. So ist bspw. die Fertigkeitenliste knapper, es gibt andere Verfolgungsregeln und das Thema Stabilität wurde überarbeitet. Ein Wechsel von CoC oder das Übernehmen von Spielmaterial sollte kein größeres Problem darstellen.
Sollte die dLG ihr Ziel erreichen und durch Faknagn gute, neue Szenarios, Settings und Material, abseits des Pegasuseinerleis, fördern, sähe ich durchaus Potential. Aber das muss sich erst noch zeigen. Das Spiel ist zwar noch nicht "fertig", aber bisher macht es auf mich den Eindruck einer über-ambitionierten Hausregelsammlung für ein Regelwerk, das eh schon jeder so spielt wie es ihm gefällt.


Noch nicht erschienen ist die vom Turant Verlag angekündigte Übersetzung von "Unaussprechliche Kulte". Das Spiel unterscheidet sich in sofern vom "Standard", das man hier die Rolle der Kultisten übernimmt. Wobei der Begriff "Kult" recht grob umrissen scheint und alle Gruppen umfasst, die den Mythos aktiv als Werkzeug einsetzen. Ich hoffe, dass bedeutet das es kein "wir spielen egoistisch, menschenfressende, faschistisch, unberechenbare, Big Bad Malkavianer Motherfucker" Spiel wird.
Einen ersten Eindruck auf das Regelwerk kann man bei obskures bekommen. Vom Lesen her erscheint mir das 3W10 System eher unintuitiv. Da mir in der Praxis aber noch nichts wirklich Vergleichbares untergekommen ist, kann ich hier auch falsch liegen.
Wie es mit Szenarios und weiteren Spielmaterial aussieht, ist derzeit leider noch nicht bekannt. 
Mein Gesamteindruck ist noch etwas skeptisch, aber auch neugierig. Ich werde auf jeden Fall einen Blick riskieren wenn das Spiel erscheint.


Die letzte Neuankündigung kam vor Kurzem vom System Matters Verlag, der Mythos World übersetzen wird. Wie auch Dungeon World basiert das Spiel auf das "powered by the Apocalypse" (pbtA) System. Und wie bei pbtA Systemen üblich fördert das Spiel Improvisation und den Einfluss durch die Spieler. Beides Faktoren die in Call of Cthulhu so gut wie keinen Platz haben.
Ich bin ja ein großer Fan des Systems und in der Praxis mit dem englischen Regelwerk hat das Spiel auch sehr gut funktioniert. Besonder gefallen hat mir, dass das Spiel versucht verschiedene Mythosaspekte in pbtA Mechaniken zu verpacken. So gibt es beispielsweise spezielle Spielzüge für das Reisen in fremde Welten. Wobei das Spiel auch seine Macken hat. So erschien mir der "Helfen Spielzug" zu mächtig und das Ressourcensystem etwas zu komplex.
Ich freu mich trotzdem sehr auf das Spiel und bin auch schon mit System Matters, bezüglich verschiedener Ideen für Zusatzmaterial, im Kontakt. Darum werde ich hier jetzt auch nicht weiter  Lobhudeln ;)



Wenn man der Gerüchteküche trauen darf, haben auch schon einige Verlage ihr Interesse an einer Übersetzung des neuen Delta Green geäußert. Sofern da was dran ist, und der entsprechende Verlag das vernünftig aufzieht, würde das sicher auch etwas Schwung rein bringen.

Wie man sieht es ist also Bewegung im Thema. Aber was bedeutet das jetzt?
Meiner Auffassung nach ließ die inhaltliche Qualität der Pegasus Sachen in den letzten Jahren, von einer handvoll Einzelabenteuer mal abgesehen, sehr zu wünschen übrig. Oder anders gesagt: Wenn Berufebände und lieblose Spielerbücher die große Bringer sind, dann wird es echt höchste Zeit das  mal frischer Wind durch die verstaubten Regale geblasen wird.
Fraglich bleibt aber ob und wie sich das Mehr an Auswahl auf die deutsche Cthulhu Szene auswirkt. Eine gewisse Zersplitterung ist bereits jetzt, in der eigentlich relativ homogenen deutschen Cthulhu Szene, zu spüren. Mehr Alternativen würden diese Entwicklung höchstwahrscheinlich fördern. Auf der anderen Seite werden durch die neuen Spiele aber auch andere Zielgruppen, die bisher eher einen Bogen um das Setting gemacht haben, angesprochen.
Ich bin auf jeden Fall gespannt sie sich das cthuloide Rollenspiel in Deutschland in den nächsten Jahren so weiter entwickelt.

1 Kommentar:

  1. Danke für diese Übersicht. Hatte gar nicht mitbekommen, dass es doch inzwischen schon so viel Bewegung auf dem deutschen Markt gibt. (Wobei Du natürlich absolut Recht hast, was die Zersplitterung angeht. Da erleidet die Cthulhu-Szene so langsam das Schicksal der Fantasy-Welt: Jeder spielt sein eigenes System/Setting - gemeinsame Erfahrungen und größere Diskussionen werden zunehmend unmöglich.)

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