Montag, 29. Mai 2017

Mein Senf zu "Dreißig"

Anlässlich dem dreißigjährigen Jubiläum von Cthulhu in Deutschland hat Pegasus letztes Jahr einen Abenteuerband veröffentlicht. Und passenderweise soll, laut Vorwort, in jedem der vier enthaltenen Abenteuer die Zahl 30 eine "handlungsrelevante" Rolle spielen.
Wie bereits bei Feiertage der Furcht hat das mit der Themenausrichtung nicht so wirklich gut geklappt, aber dazu später mehr. Ich gehe lieber zuerst auf die eigentlichen Abenteuer ein. (Achtung Spoiler)


Dreißig Liter Jungfrauenblut
In diesen Abenteuer verkörpern die Spieler Mitglieder einer Gangsterbande zur Zeit der Prohibition. Die einleitende Beschreibung des Abenteuers, der Bande und des Hintergrunds ist übersichtlich und vermittelt gut worum es im Abenteuer gehen soll. Auch der Twist mit den Ermittlern hat mir gut gefallen.
Die Aufklärung des Verrats hat, je nach Verlauf der vorherigen Konfrontation, leider erhöhtes Sackgassenpotential. Hier fehlen mMn deutlichere Anmerkungen dazu wie man in der Szene mit den Ermittlern Hinweise streuen könnte. Auch wären beispielhafte Reaktionen und Alibis der Verdächtigen hilfreich.
Dafür gibt es später, bei den Recherchen zum Ritual, einige Vorschläge für unterschiedliche Vorgehensweisen. Und auch das Dilemma, sowie die Berücksichtigung verschiedener Ausgangslagen für das Finale, sind gelungen.
Leider finde ich das eigentliche Ende des Abenteuers nicht wirklich zufriedenstellend: Rauschebart taucht auf und richtet die Bösen, Ende...
Meiner Meinung nach ein okayes Abenteuer mit eingeschränkter Zielgruppe.

30 Sterne
Fokussierung auf historische Authentizität bei Cthulhu nervt mich ja ziemlich, wenn ein Cthulhu Abenteuer aber interessante Ort oder historische Personen nimmt und weiterspinnt finde ich das ziemlich spannend. So wie in diesem Abenteuer mit Adolf Miethe, einen Pionier der Fotografie.
Das Abenteuer ist sehr gut aufgebaut. Besonders toll fand ich die vielen optionalen Vorschläge für Begegnungen, kleinen Stimmungsszenen, Varianten für NSC Reaktionen und Hindernisse. Auch Anlaufpunkte und Spuren sind klar als solche gekennzeichnet.
Inhaltlich überrascht das Abenteuer auch positiv: Der Einstieg wirkt fast wie ein Finale und trotz der vielen Lokationen (Deutschland, Tripolis, Ägypten) ist das kurze Abenteuer nicht überfrachtet.
Leider hat das Abenteuer ein paar mechanische Probleme.
Beispielweise hat eine Probe zum Aufwachen keine Konsequenz. Oder warum muss man 10 Erfolge sammeln um eine Information zu erhalten? Und was passiert beim Scheitern?
Davon ab ist das Abenteuer wirklich sehr gelungen.

30°/30°
Auch in diesen Abenteuer geht es nach Ägypten. Die SCs stürzen mit dem Flugzeug in der ägyptischen Wüste ab und geraten in die Fänge eines Mythoskultes, der natürlich nichts Gutes mit ihnen vorhat.
Besonders schlimm fand ich die Traumsequenz, die fast eine Seite einnimmt. Vielleicht ist das ein persönliches Problem, aber ich weiß nie was ich mit solchen Szenen anfangen soll. Getrennt durchspielen? Einfach Vorlesen? Den NSC von seinen Traum erzählen lassen? Und am besten wachen alle am Ende auf und stellen fest das sie den selben Traum hatten *ächz*
Solche Traumsequenzen sind für meine Geschmack auf jeden Fall schlechter Stil.
Abgesehen davon ist das Abenteuer äußerst linear und bietet den Spielern so gut wie keine Möglichkeit zur Interaktion oder Exploration. Und das Finale wirkt mit seinen geschlossenen Raum, der zweistelligen Anzahl von Antagonisten und der fehlenden Ausrüstung wie ein Spielerfleischwolf. Aber vielleicht ist das auch so vorgesehen.
Insgesamt das deutlich schwächste Abenteuer des Bandes.

Filmriss
Der NOW Oneshot hat mit dem "Vicary Mythos" einen cleveren Aufhänger und das Filmthema spricht mich persönlich sowieso an. Im Kern geht es um eine Gruppe Filmfans, die einen sehr ungewöhnlichen Kinobesuch erleben. Es wird viel mit Filmklischees gespielt und das Abenteuer bietet einige Tipps zum Einsatz von Requisiten und Handouts. Der Abenteueraufbau ist übersichtlich und besteht fast nur aus Hintergrund und Ortsbeschreibung, so dass das Abenteuer recht einfach vorzubereiten ist.
Durch das Kino als Closed Room Setting ist der Handlungsrahmen natürlich etwas eingeschränkt, dennoch gibt es für die Spieler viel Grausiges zu entdecken und genug Optionen um mit der endgültigen Bedrohung umzugehen (unsere Runde hat den Laser umfunktioniert).
Angenehm fand ich auch das sich das Abenteuer nicht todernst nimmt, dabei aber nicht in totale Albernheit abgleitet.
Für mich das Highlight des Bandes.


Zum Ende gibt es noch einen umfangreichen Rückblick auf 30 Jahre Cthulhu Rollenspielgeschichte in Deutschland und eine Übersicht aller Cthulhu Publikationenvon Pegasus.

Abschließend
Der Band entspricht vom Material her der "Qualität" seiner Vorgänger: Raues Altpapier mit blassen Druck. Die Qualität und Auswahl der Fotos ist aber erfreulicherweise besser als bei Feiertage der Furcht. Die Zeichnungen, Charakterbögen und Karten in Filmriss fand ich sehr passend.
Der Band hinterlässt mich Zwiegespalten. Eine Hälfte der Abenteuer ist sehr gut, und vom Rest ist das eine nur für Gangstergruppen geeignet und das andere maximal eine umfangreiche Idee. Wirklich empfehlen kann ich den Band somit nicht. Wer aber einen guten NOW Oneshot sucht sollte mMn zugreifen.


Kleiner Exkurs zur Dreißig Thematik
Bei den Feiertagen er Furcht war Pegasus ja schon recht flexibel mit der Auslegung des Bandthemas. Bei Dreißig wird es aber absurd: 
Lediglich in 30°/30° spielt die Zahl irgendwie eine relevante Rolle, in allen anderen Abenteuern ist sie beliebig austauschbar. Ich vermute ja das die 30 einfach im Nachhinein in die bereits fertigen Abenteuer (und Resten vom Gangster Band) rein geschrieben wurden damit sie schön ins Bandthema zu passen.
Eigentlich könnte mir das ja egal sein, aber wenn schon eine "Handlungsrelevanz" der Zahl versprochen wird, erwarte ich doch etwas mehr als 30 Liter, 30 Sterne und 30 Gehirne.
Und um mal Redaktion zu spielen: 2 Abenteuer haben Ägypten und Tripolis als Handlungsort und mit Filmriss und einen Abenteuer aus dieser Ankündigung, wäre auch schon ein halber Filmband gefüllt gewesen. Oder man lässt das mit den Themen vielleicht gleich ganz sein...